Westgermanische Sprachen
Die westgermanischen Sprachen sind eine Untergruppe der germanischen Sprachen. Das Westgermanische umfasst nach allgemeiner Ansicht fünf Untertypen: das Englische, Friesische, Niederländische, Niederdeutsche und Deutsche.[1] Zu diesen gehören wiederum zahlreiche einzelne Dialekte und in unterschiedlichem Maße standardisierte Sprachformen, Kreolsprachen und Diasporasprachen wie Afrikaans, Jiddisch und Pennsylvaniadeutsch.[2]
Terminologie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Begriff Westgermanisch entstand im 19. Jahrhundert im Rahmen der vergleichenden Sprachwissenschaft.
Eine wichtige Grundlage für die Entwicklung des Begriffs bildete die ethnographisch begründete Unterscheidung zwischen Ost- und Westgermanen durch Karl Müllenhoff, der sich dabei auf Tacitus' Germania stützte. Die heute übliche Dreigliederung in Ost-, Nord- und Westgermanisch geht auf den Stammbaum August Schleichers von 1860 zurück, der zwischen einem ostgermanischen, einem nordgermanischen und einem westgermanischen Zweig unterschied, allerdings unter anderen Bezeichnungen. Die Durchsetzung der modernen dreigliedrigen Terminologie wird Wilhelm Streitberg (1864–1925) zugeschrieben.[3]
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Abspaltung des Westgermanischen von den übrigen germanischen Varietäten wird allgemein in die ersten Jahrhunderte n. Chr. datiert. Wolfram Euler schlägt einen westgermanischen Zeitraum vom 3. bis zum 7. Jahrhundert n. Chr. vor, wobei er das 5. Jahrhundert als die repräsentativste Phase einer mehr oder weniger „gemeinsamen“ Form des Westgermanischen betrachtet. Die moderne Forschung geht von einer, vergleichsweise kurzen, nordwestgermanischen Phase vor der Herausbildung des Westgermanischen und des Nordgermanischen aus, um eine Reihe gemeinsamer Merkmalen gegenüber dem Ostgermanischen zu erklären.[4][5] Nicht alle Wissenschaftler legen das Gemeinwestgermanische auf einen bestimmten Zeitraum fest. Besonders Don Ringe und Ann Taylor betonten die relative Chronologie charakteristischer phonologischer und morphologischer Neuerungen, anstatt einen einzelnen Zeitpunkt der Abspaltung festzulegen.[6][7]
Die westgermanische Ursprache
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Gemein-, Proto- oder Urwestgermanische ist nur äußerst spärlich bezeugt, und zwar fast ausschließlich in Form kurzer, häufig nur aus einem einzigen Wort bestehender Runeninschriften oder in Form latinisierter Wörter und Namen, die in römischen Quellen überliefert sind. Der bislang früheste bekannte Beleg für einen westgermanischen Dialekt ist der Kamm von Frienstedt, der eine Inschrift ka(m)ba („Kamm“) trägt, deren Endung -a die Zugehörigkeit zum westgermanischen Sprachraum erkennen lässt. Aufgrund des Fundzusammenhangs werden sowohl der Kamm als auch die Inschrift in die jüngere römische Kaiserzeit datiert. Neben einer möglicherweise ebenfalls westgermanischen Inschrift aus dem dänischen Illerup, liegt damit der älteste sichere Nachweis des Westgermanischen vor.[8]
Während die Dialekte bis einschließlich des 5. Jahrhunderts gemeinhin als Varietäten des Spätgemeinwestgermanischen betrachtet werden, lassen sich im 6. Jahrhundert zunehmend Anzeichen einer sprachlichen Divergenz sowie der Herausbildung von Merkmalen erkennen, die für die späteren Tochtersprachen charakteristisch sind. So weisen beispielsweise die Malbergischen Glossen Merkmale des Altniederländischen auf, während eine in Wurmlingen gefundene Lanzenspitze Anzeichen der Zweiten Lautverschiebung und somit des Althochdeutschen erkennen lässt. Insgesamt sind etwa 80 Runeninschriften aus westgermanischem Gebiet aus der Zeit bis ins 7. Jahrhundert Bekannt, in dem dann die Runentradition abbricht.
Es wird angenommen, dass die westgermanischen Dialekte trotz ihrer Ausdifferenzierung in verschiedene Sprachgruppen während der Völkerwanderungszeit einen relativ hohen Grad an gegenseitiger Verständlichkeit mit ihren ostgermanischen und insbesondere nordgermanischen Schwestersprachen bewahrten. So wird beispielsweise für das Altenglische und das Altnordische davon ausgegangen, dass eine grundlegende Verständigung bis ins 10. und 11. Jahrhundert möglich war.[9][10] Die Ähnlichkeiten zwischen den modernen westgermanischen Sprachen und dem Gemeinwestgermanischen hängen weitgehend davon ab, welcher konkrete Aspekt miteinander verglichen wird. Betrachtet man beispielsweise die Phonologie insgesamt, ist das Niederländische die dem Gemeinwestgermanischen am nächsten stehende noch lebende Sprache. Vergleicht man hingegen die grammatische Flexion, weist das moderne Deutsche mehr Ähnlichkeiten auf. Umgekehrt lässt sich eine Sprache wie das Englische, die sich insgesamt sowohl hinsichtlich ihrer Struktur als auch ihres Wortschatzes am stärksten vom Gemeinwestgermanischen entfernt hat, dennoch als die einzige moderne Sprache bezeichnen, die die dentalen Frikative (/θ/ und /ð/) in ihrem Lautsystem bewahrt hat. Je nachdem, welcher Aspekt betrachtet wird, ist das Englische somit zugleich stark innovativ und konservativ.[11]
Einige ältere Autoren verwendeten den Begriff Voralthochdeutsch synonym zu dem heute als Urwestgermanisch bezeichneten Sprachstadium. Diese Verwendung gilt inzwischen als überholt, da sie das Althochdeutsche implizit als Bezugspunkt der westgermanischen Sprachentwicklung privilegiert und andere westgermanische Sprachzweige marginalisiert. Der Begriff selbst ist jedoch weiterhin in Gebrauch, wenn auch in einer anderen Bedeutung. Er bezieht sich in der Regel auf Inschriften aus dem Gebiet, das später dem mittel- und oberdeutschen Sprachraum zugeordnet wurde, die jedoch vor dem Einsetzen der zweiten germanischen Lautverschiebung entstanden sind.[12]
Gliederung der westgermanischen Sprachen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der heutige Konsens akzeptiert weitgehend die Existenz einer gemeinsamen westgermanischen Ursprache aus der sich anschließend die modernen westgermanischen Varietäten entwickelt haben.[13][14][15]
Liste der westgermanischen Sprachen
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Legende:
Folgende lebende, ausgestorbene (†) oder durch neuere Sprachstufen ersetzte (†) Sprachen aus der Familie der germanischen Sprachen zählen zu den westgermanischen Sprachen:
- Nordseegermanische Sprachen
- Angelsächsisch (Altenglisch) †
- Altfriesisch †
- Westfriesisch
- Ostfriesisch
- Saterfriesisch (als letzte Varietät des Ostfriesischen synchron betrachtet eine eigene Sprache)
- Nordfriesisch (teilt sich in sehr unterschiedliche Dialekte und hat bislang keine einheitliche Schriftsprache ausgeprägt)
- Altsächsisch (Altniederdeutsch) †
- Auf dem Englischen basierende Kreolsprachen, die nicht wirklich genetisch zuzuordnen sind
- kontinentalwestgermanische Sprachen
- lebende große Ausbausprachen (Haupt-Amtssprache in mindestens einem Staat)
- lebende kleinere Ausbausprachen (mit offiziellem Status, jedoch in keinem Staat Hauptamtssprache)
- durch neuere Sprachstufen ersetzte Varietäten im Frühmittelalter
- Althochdeutsch †
- Altoberfränkisch †
- Altmittelfränkisch †
- Altsüdrheinfränkisch †
- Altbairisch †
- Altalemannisch †
- Altniederfränkisch (Altniederländisch) †
- Westfränkisch (im Westen des Frankenreichs) †
- Langobardisch †
- Althochdeutsch †
- durch neuere Sprachstufen ersetzte Varietäten des Hochmittelalters
- Mittelniederländisch †
- Mittelhochdeutsch †
- oberdeutsches Mittelhochdeutsch †
- bairisches Mittelhochdeutsch †
- alemannisches Mittelhochdeutsch †
- ostfränkisches Mittelhochdeutsch †
- südrheinfränkisches Mittelhochdeutsch †
- mitteldeutsches Mittelhochdeutsch †
- westmitteldeutsches Mittelhochdeutsch (Mittelfränkisch, Rheinfränkisch) †
- ostmitteldeutsches Mittelhochdeutsch (Thüringisch, Obersächsisch*, Schlesisch*, Hochpreußisch*) †
- (*) Diese drei ostmitteldeutschen Regionen werden erst in dieser Epoche kolonisiert und die Regionalvarietäten bilden sich erst in mittelhochdeutscher Zeit.
- oberdeutsches Mittelhochdeutsch †
- durch neuere Sprachstufen ersetzte Varietäten in der frühen Neuzeit
- Beispiele für nicht voll ausgebaute lebende westgermanische Varietäten
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Wolfram Euler: Das Westgermanische – von der Herausbildung im 3. bis zur Aufgliederung im 7. Jahrhundert. Analyse und Rekonstruktion. 1. Auflage: Verlag Inspiration Unlimited, London/Berlin 2013, ISBN 978-3-9812110-7-8. – 2. Auflage: Verlag Inspiration Unlimited, Berlin 2022, ISBN 978-3-945127-41-4.
- Wolfram Euler: Die Herausbildung von Übergangsdialekten und Sprachgrenzen. Überlegungen am Beispiel des Westgermanischen und Nordischen. Institut für Sprachen und Literaturen der Universität Innsbruck, Abteilung Sprachwissenschaft, Innsbruck 2002, ISBN 3-85124-687-X.
- Frederik Hartmann: Germanic Phylogeny (Oxford Studies in Diachronic and Historical Linguistics), Oxford University Press, 2023, ISBN 978-0-19-887273-3.
- Werner König: dtv-Atlas Deutsche Sprache. 14. Auflage. dtv, München 2004 (1. Aufl. 1978), ISBN 3-423-03025-9.
- Friedrich Maurer: Nordgermanen und Alemannen. Studien zur germanischen und frühdeutschen Sprachgeschichte, Stammes- und Volkskunde (= Bibliotheca Germanica. 3). 3., überarb. und erw. Auflage. Francke, Bern 1952 (erste Auflage 1942).
- Karl-Heinz Mottausch: Untersuchungen zur Vorgeschichte des germanischen starken Verbs. Die Rolle des Aorists. Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2013
- Hermann Niebaum, Jürgen Macha: Einführung in die Dialektologie des Deutschen (= Germanistische Arbeitshefte. 37). 2., neubearb. Auflage. Niemeyer, Tübingen 2006, ISBN 978-3-484-26037-5.
- Donald Ringe, Ann Taylor: The Development of Old English. A Linguistic History of English. Band 2: The development of Old English. Oxford 2014, ISBN 978-0-19-920784-8.
- Wilhelm Schmidt: Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium. 10. Auflage. Hirzel, Stuttgart 2007, ISBN 3-7776-1432-7.
- Stefan Sonderegger: Althochdeutsche Sprache und Literatur. Eine Einführung in das älteste Deutsch. 3., durchges. u. wesentl. erw. Auflage. De Gruyter, Berlin u. a. 2003, ISBN 3-11-017288-7.
- Patrick V. Stiles: Place-adverbs and the development of Proto-Germanic long *ē1 in early West Germanic. In: Irma Hyvärinen u. a. (Hrsg.): Etymologie, Entlehnungen und Entwicklungen. Mémoires de la Soc. Néophil. de Helsinki 63, 2004, S. 385–396.
- Patrick V. Stiles: The Pan-West Germanic Isoglosses and the Subrelationships of West Germanic to Other Branches. In: Unity and Diversity in West Germanic. Band I. Special issue of NOWELE 66:1 (2013), S. 5 ff.
- Hilkert Weddige: Mittelhochdeutsch. Eine Einführung. 6. Auflage. Beck, München 2004, ISBN 3-406-45744-4.
- Peter Wiesinger: Schreibung und Aussprache im älteren Frühneuhochdeutschen: zum Verhältnis von Graphem – Phonem – Phon am bairisch-österreichischen Beispiel von Andreas Kurzmann um 1400 (= Studia linguistica Germanica. 42). De Gruyter, Berlin / New York 1996, ISBN 3-11-013727-5; online lesen bei Google Books.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Anmerkungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Arjen Pieter Versloot: Die Stellung des Altsächsischen im Aufbau des Germanischen. Eine phylogenetische Analyse. In: Norbert Kössinger (Hrsg.): Altsächsisch: Beiträge zur altniederdeutschen Sprache, Literatur und Kultur. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2007, S. 95.
- ↑ John Ole Askedal: Some General Evolutionary and Typological Characteristics of the Germanic Languages. In: John Ole Askedal, Ian Roberts, Tomonori Matsushita und Hiroshi Hasegawa (Hrsg.): Germanic Languages and Linguistic Universals. John Benjamins Publishing Company, Amsterdam 2013, S. 4.
- ↑ Hans Frede Nielsen: The Germanic Languages: Origins and Early Dialectal Interrelations. University of Alabama Press, Tuscaloosa, AL 1989, S. 69–71.
- ↑ Frederik Hartmann: Germanic Phylogeny. Oxford University Press, Oxford 2023, ISBN 978-0-19-887273-3, S. 304; Zitat: „A West Germanic protolanguage is uncontroversial.“
- ↑ Don Ringe: From Proto-Indo-European to Proto-Germanic: A Linguistic History of English. Vol. I, Oxford 2006, S. 213 f.; zitiert nach Euler (2013), S. 37.
- ↑ Wolfram Euler: Das Westgermanische: Seine Rekonstruktion von der Herausbildung im 3. Jahrhundert bis zur Aufgliederung im 7. Jahrhundert. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Verlag Inspiration Unlimited, Berlin 2022, ISBN 978-3-945127-41-4, S. 9.
- ↑ Don Ringe: The Development of Old English (= A Linguistic History of English). Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-920784-8, S. 10–104.
- ↑ Robert Nedoma: Ein Kamm Mit Runeninschrift aus Frienstedt (Stadt ErFurt). Archäologisches KorrespondenzBlatt 43 (2013), 257–276.
- ↑ Jonas Keller: The Leipzig-Jakarta list as a means to test Old English. Old Norse mutual intelligibility. In: NOWELE: North-Western European Language Evolution, Band 73, Nr. 2, 2020, S. 252–275.
- ↑ Matthew Townend: Language and History in Viking Age England: Linguistic Relations between Speakers of Norse and English. In: Studies in the Early Middle Ages, Bd. 6. Brepols, Turnhout 2002, S. 183.
- ↑ Kapitel 3 und 4 (S. 41–138) in Donald Ringe, Ann Taylor: The Development of Old English. A Linguistic History of English. Band 2: The development of Old English. Oxford 2014, ISBN 978-0-19-920784-8.
- ↑ Wolfram Euler: Das Westgermanische – von der Herausbildung im 3. bis zur Aufgliederung im 7. Jahrhundert: Analyse und Rekonstruktion. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Inspiration Unlimited, Berlin 2022, S. 9.
- ↑ Wolfram Euler: Das Westgermanische – von der Herausbildung im 3. bis zur Aufgliederung im 7. Jahrhundert. Analyse und Rekonstruktion. 1. Auflage: Verlag Inspiration Unlimited, London/Berlin 2013, S. 11; 2. Auflage: Verlag Inspiration Unlimited, Berlin 2022, S. 9.
- ↑ Kapitel 3 und 4 (S. 41–138) in Donald Ringe, Ann Taylor: The Development of Old English. A Linguistic History of English. Band 2: The development of Old English. Oxford 2014, ISBN 978-0-19-920784-8.
- ↑ Frederik Hartmann: Germanic Phylogeny. Oxford University Press, Oxford 2023, ISBN 978-0-19-887273-3, S. 304; Zitat: „A West Germanic protolanguage is uncontroversial.“
- ↑ W. Heeringa: Measuring Dialect Pronunciation Differences using Levenshtein Distance. University of Groningen, 2009, S. 232–234.
- ↑ P. Wiesinger: Die Einteilung der deutschen Dialekte. In: Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung. Berlin / New York, S. 807–900.
- ↑ W. König: dtv-Atlas Deutsche Sprache. München 2019, S. 230.
- ↑ C. Giesbers: Dialecten op de grens van twee talen. Radboud Universiteit, Nijmegen 2008, S. 233.